«Die Situation ist ziemlich dramatisch»

Die Schweizer Schokoladenhersteller litten im letzten Jahr unter hohen Kakaopreisen. Die Exportmengen sind zurückgegangen und auch in der Schweiz wird weniger Schokolade konsumiert, wie Roger Wehrli, Direktor von Chocosuisse und Biscosuisse, in einem Interview mit foodaktuell («Die Situation ist ziemlich dramatisch») erklärt.

Herr Wehrli, wie geht es der Schweizer Schokoladenbranche?

Die Branche war auch im letzten Jahr von rekordhohen Kakaopreisen betroffen, zwischen 8000 und 10000 Dollar pro Tonne, also drei bis vier Mal so wie im langjährigen Durchschnitt. Der Schokoladenpreis für die Konsumentinnen und Konsumenten stieg im letzten Jahr im Schnitt um 9 Prozent. Das heisst, der Anstieg der Kakaopreise wurde bei weitem nicht voll weitergegeben. Der Umsatz ist bei den Schokoladenherstellern zwar gestiegen, aber der hohe Kakaopreis hat Marge gekostet.

Insgesamt ist die Situation ziemlich dramatisch. Die Exportmengen 2025 gingen laut dem Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit um 10,5 Prozent zurück. Die Exporte machen 72 Prozent der Schweizer Schokoladenproduktion aus. Die provisorischen Zahlen für die Schweiz zeigen, dass auch die Verkaufsmengen im Inland gesunken sind, aber weniger stark.

Wie ist die Situation bei den anderen Rohstoffen?

Hier machen uns die grossen Preisdifferenzen Sorgen. Im Detailhandel können Sie beispielsweise ausländische Torten kaufen, bei denen Schweizer Produzenten für den Verkaufspreis nicht einmal die Schweizer Rohstoffe bezahlen könnten.

Dafür gibt es den Rohstoffausgleich mit den Nachfolgelösungen zum Schoggigesetz.

Das ist korrekt. Er hilft aber nicht im Inland, sondern nur beim Export von verarbeiteten Lebensmitteln. Beim Getreide haben wir eine funktionierende Lösung, dort werden 97,5 Prozent ausgeglichen. Bei der Milch ist es ein stetiges Verhandeln, momentan sind wir zufrieden, weil die BO Milch in den letzten eineinhalb Jahren den Beitrag von 25 Rappen auf gut 33 Rappen pro Kilogramm Milchäquivalent erhöht hat, weil auch das Geld dafür vorhanden war. Beim Zucker gibt es hingegen keinen solchen Ausgleich.

Welche Auswirkungen hatten die Zölle in den USA?

Die USA machen 7 Prozent der Schokoladenexport aus, dort haben wir 10 Prozent der Menge verloren, bei Umsatzerhöhungen von nur 5 Prozent. Die Schweizer Hersteller haben die mehrmals wechselnden Zölle zum grössten Teil selbst absorbiert. Sie möchten auf keinen Fall aus den Regalen fallen. Hersteller von Schokolade und Süsswaren brauchen eine optische Präsenz im Regal, mit mehreren Produkten der eigenen Marken. Aktuell sind wir in den USA mit 15 Prozent Zöllen zwar gleich benachteiligt wie die EU, aber der Kakao kann zollfrei importiert werden, was die lokale Konkurrenz in den USA bevorzugt.

Derzeit gelten für 150 Tage Zölle von 15 %. Um darüber hinaus planen zu können, erwarten wir vom Bundesrat, dass er mit den USA ein möglichst gutes Abkommen aushandelt.

Wie liefen die Exporte in die anderen Länder?

Wir haben in allen fünf Top-Märkten verloren, in Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Kanada und eben USA zwischen 2 und 21 Prozent. Europa macht über die Hälfte der Exporte aus, man merkt, dass die Konsumentenstimmung nicht so gut ist. In China, Italien und Österreich konnten wir zwar zulegen, aber das kompensiert nicht einmal den Rückgang von 11 Prozent in Deutschland. Kanada wurde in Mitleidenschaft gezogen durch die US-Zölle, weil viele Hersteller beide Länder gemeinsam bedienen.

Und in der Schweiz: Weichen die Konsumenten vermehrt auf importierte Schokolade aus?

Der Importanteil ist gestiegen, aber der Konsum ist insgesamt zurückgegangen. Es wird weniger, aber bewusster konsumiert. Durch das höhere Gesundheitsbewusstsein entsteht vielleicht ein Trend, dass Schweizer Hersteller noch stärker in das Premium-Segment gehen. Im Detailhandel gibt es den Gegentrend mit möglichst günstiger Schokolade, aber da können Schweizer Hersteller kostenmässig nicht mithalten. Das mittlere Preissegment wird wohl an Bedeutung verlieren.

Welche Entwicklung erwarten Sie beim Kakaopreis, sinkt er weiter?

Momentan sind wir bei 3000 Franken pro Tonne. Das ist immer noch 50 Prozent über dem langjährigen Schnitt. Die Entwicklung ist schwierig vorauszusagen, die grundlegenden Risiken bleiben: Der Klimawandel mit Wetterextremen in Westafrika, die Rahmenbedingungen in Ghana, das Swollen-Shoot-Virus. Insgesamt rechne ich nicht damit, dass der Kakaopreis in der nächsten Zeit wieder auf 2000 Franken pro Tonnen sinken wird.

Was meinen Sie mit den Rahmenbedingungen in Ghana?

Dort ist der Einkauf nur über das staatliche Cocobod möglich. In Südamerika funktioniert der Markt und daher ist die Preisentwicklung dynamischer, die Produzenten profitieren, wenn der Preis steigt und investieren auch mehr. In Ghana sind die Erträge in den Kakaoplantagen viel tiefer als in Südamerika, weil die Plantagen überaltert sind. Im letzten Jahr kam noch rund die Hälfte der weltweiten Kakaoernte aus Westafrika, früher waren es zwei Drittel.

Was das Swollen-Shoot-Virus angeht, da helfen wir über die Schweizer Plattform für nachhaltigen Kakao SWISSCO, befallene Bäume möglichst rasch zu erkennen und zu roden, aber das Virus kann nicht so rasch besiegt werden.

Ein Thema, das immer wieder aufpoppt, ist Kinderarbeit und die soziale Situation der Kakaobauern.

Unser Ziel, das wir gemeinsam mit der Schweizer Plattform für nachhaltigen Kakao erreichen möchten, ist, bis 2030 zu 100 Prozent nachhaltigen Kakao zu beschaffen, dazu gehört auch ein existenzsicherndes Einkommen, keine Kinderarbeit und Kakao aus nicht entwaldeten Gebieten. Da haben wir noch einen Weg zu gehen, wir sind heute bei 84 Prozent. Die Hersteller haben sich schon vor der Gründung der Plattform im 2018 dazu bekannt, Verantwortung in der Lieferkette zu übernehmen. Aber die Lieferketten sind extrem komplex. In einer Pralinéschachtel hat man potenziell 200’000 Herkünfte, die man unter Kontrolle haben sollte - unsere Firmen versuchen, das nach bestem Wissen und Gewissen zu tun. Wichtig scheint mir, dass man schwarze Schafe, die es leider immer wieder gibt, rasch erkennt und ausschliesst. Im Idealfall arbeiten NGO, Firmen und Regierungen dafür zusammen.

Firmen wie Food Brewer entwickeln Alternativen mit Kakaomasse aus dem Reaktor oder mit Rohstoffen wie Gerste oder Gelberbse. Wie blicken Sie darauf?

Ich finde das sehr spannend. Wenn zellbasierter Kakao irgendwann wettbewerbsfähig wird, ist ein Hersteller weniger abhängig vom Kakaopreis. Auch all die Themen, über die wir gerade gesprochen haben – Kinderarbeit, schlechte Löhne, ökologisch schwierige Produktion – wären vom Tisch. Man kann aber auch fragen: Wovon leben dann die Kakaoproduzenten in Westafrika und Südamerika? Fraglich ist auch, ob und wann Konsumentinnen und Konsumenten zellbasierter Kakaomasse akzeptieren. Auch Alternativen aus anderen pflanzlichen Rohstoffen sind aus Nachhaltigkeitssicht interessant, aber sie dürfen meines Erachten s nicht Schokolade genannt werden.

Sie sind auch Direktor von Biscosuisse. Wie geht es dieser Branche?

Auch die Hersteller von Dauerbackwaren und Zuckerwaren haben gemäss den provisorischen Zahlen rückläufige Mengen und Umsätze. Der Importdruck ist da noch stärker. Der Importanteil bei Biscuits ist in den letzten zehn Jahren von 49 Prozent auf 61 Prozent gestiegen. Dort, wo viele Schweizer Agrarrohstoffe verwendet werden, schlägt der Nachteil durch. Bei den Dauerbackwaren ist auch die Swissness weniger ein Verkaufsargument als bei der Schokolade.

Hersteller, die flexibel bleiben, können trotzdem profitieren, oder? Hug ist mit den Tartelettes im Export ziemlich erfolgreich.

Ja, die Hersteller können teilweise auch Snacking-Trends oder den Protein-Trend aufgreifen und neue Produkte lancieren. Aber bei den Biscuits bleibt der Importdruck hoch.

Derzeit ist der Veredelungsverkehr wieder politisch unter Beschuss, weil zu viel Milch den Milchpreis drückt.

Der Veredelungsverkehr ist rückläufig. Die Vollmilchpulverimporte sind im letzten _Jahr von 4953 Tonnen auf 3493 Tonnen gesunken, die Butterimporte seit dem Höhepunkt im Jahr 2023 von 3482 Tonnen auf 1792 Tonnen. Es gab grosse Preisunterschiede zwischen Schweiz und EU, die sich jetzt wieder verringern. Die Massnahmen der BO Milch mit den erhöhten Beiträgen in der Nachfolgelösung für das Schoggigesetz wirken und das Ziel, den Veredelungsverkehr zu senken, wird erreicht. Wir haben auch Signale, dass der Veredelungsverkehr in diesem Jahr weiter sinken wird, es gibt deshalb keinen Anlass für Aktivismus.

Halal und koscheres Milchpulver gibt es in der Schweiz nicht. Auch gewisse von den Kunden gefragte Labels für Private-Label-Schokolade müssen im Ausland bezogen werden. Denn die Schweizer Milchproduzenten können uns verständlicherweise nicht Milch liefern, die alle in den jeweiligen Verkaufsländern gefragten Labels erfüllt.

Es gab übrigens auch Zeiten, in denen wir keine Schweizer Butter erhalten haben. Das kann wieder geschehen. Dann macht es für manche Hersteller Sinn, Importkanäle zur Sicherheit als zusätzliches Standbein zu behalten.

Trotzdem ist es unschön, wenn Mondelez sich öffentlich zu Schweizer Herkunft für Toblerone bekennt und dann trotzdem wieder Milchpulver importiert.

Zur Einkaufspolitik von Mondelez kann ich keine Stellung nehmen, das fällt unter das Geschäftsgeheimnis. Unser Bestreben als Branche ist, 100 Prozent Schweizer Rohstoffe einzusetzen, wenn diese in der richtigen Qualität, in genügender Menge und zu wettbewerbsfähigen Konditionen erhältlich sind. Wir sind deshalb im Gespräch mit den Bauernverbänden. Wir möchten gegenüber den Produzenten ein Commitment abgeben. Es ginge dabei gleichzeitig auch darum, den Markenschutz für Schweizer Schokolade international zu stärken. Derzeit haben wir rund 350 offene Fälle, in denen fälschlicherweise behauptet wird, es sei Schweizer Schokolade.